Swing – fremde Welten (1)
Von Dirk Podbielski
Was sagt Ihnen African-American Vernacular Jazz Dance?
Kaum jemand in der europaischen Tanzwelt wird damit etwas anfangen können.
Dabei ist diese Tanztradition so reich wie Ballett und Zeitgenössischer Tanz, hat viele Verbindungen zum europäisch geprägten Tanz: Foxtrott, Jive, Rock’n'Roll, Jazzdance sind nur die prominentesten. Ich spreche – sehr verkürzt und daher nicht besonders korrekt, aber dafür eingängig – vom Swingtanzen.
Noch eine Anmerkung: Rock’n'Roll als Musik stammt aus den USA. Der heute so benannte akrobatische Tanzsport ist eine europäische Erfindung.
Über Swingtanz gibt es viele Mythen. Hiesige Autoritäten haben in den vergangenen Jahrzehnten viel Unsinn verbreitet. Ein paar unreflektierte Platitüden über Stepptanz aus Broadway-Musicals, Josephine Baker und vielleicht noch über Tanzszenen aus alten Hollywood-Streifen mussten reichen.
Boogie Woogie, dieser europäische Nachfahre des Lindy Hop, wird dann schon mal angeblich von US-Tap-Tänzern “weltweit bekannt” gemacht … Schon vor Jahren habe ich den ADTV auf seine geradezu absurd fehlerstrotzende “Entstehungsgeschichte” des Tanzes auf den Webseiten seiner Tanzlehrer-Akademie aufmerksam gemacht – ergebnislos.
Wie sachkundig würde ein amerikanischer Straßen-Hip-Hopper über “den” europaischen Tanz sprechen, wenn sein Wissen aus einer zufällgen Filmszene des Schwanensee-Balletts, Fotos von Volktänzen und den Turnierregeln für Langsamen Walzer besteht?
Richtig ist: beim African-American Vernacular Jazz gibt es keine endgültigen Wahrheiten. Diese Tanztradition ist nicht akademisch, und würde sie es jemals werden, wäre sie tot. Keine klaren Regeln, keine eindeutigen Definitionen oder Grenzen, aber auch keine Beliebigkeit. Das ist Teil ihres Reizes, ihres Lebenskerns.
Seit einigen Jahrzehnten gibt es, besonders in den USA, Tänzer und Wissenschaftler, die sich akribisch der Geschichtsforschung widmen. Mit ein paar Mythen will ich versuchen in weiteren Texten aufzuräumen.
Ist das für einen Walzertänzer interessant? Ein Tänzer wird jeder neuen Idee, jeder neuen Bewegung, jeder neuen Herausforderung mit Neugier begegnen. Diese Entdeckerlust ist auch ein Kennzeichen des Jazz. Hier gibt es eine ausgewachsene Tanztradition zu entdecken.
Wer die Boogie-Protagonisten des ADTV im Internet bewundern will, sollte außer nach Bill Bojangles Robinson und Fred Astaire auch nach “Twistmouth George”, und “Shorty George Snowden” suchen. Nicht mal die Namen dieser grandiosen Tänzer stimmen beim ADTV. Boogie tanzend wird man sie eher nicht sehen.
Im nachfolgenden Video von 1937 ist “Shorty George Snowden” zu sehen. Dann werden Sie auch verstehen warum George Snowden “Shorty” genannt wurde.
Tanzmichel – einzig und nicht immer artig









