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Hamburg tanzt Turnier (2)

25. Januar 2012
By Michael Pohle

Hinweis: Diese Serie “Hamburg tanzt Turnier” wird so geschrieben, dass Abläufe im Tanzturnier-Geschehen für den Laien einigermaßen verständlich werden. Zum ersten Artikel Hamburg tanzt Turnier (1)

Wertungsrichter und Turnierpaare – Prolog

Würdigen Schrittes, gewandet in feinen Zwirn, mit Tafel und Kugelschreiber bedacht, betreten sie die Tanzfläche, auf der gleich die Hatz startet.

Sie spähen nach dem rechten Fleck, von dem aus sie einen weiten Blick auf das Drama haben. Im Antlitz spiegelt sich der tiefe Ernst ob des Kommenden: Daumen hoch oder runter – glorreicher Sieg oder schmerzliche Dunkelheit – Schicksale liegen in ihren Händen, den Händen der Wertungsrichter.

Die Delinquenten – mit viel Gutem aus der Schminkabteilung unkenntlich gemacht, die Damen umwölkt mit Tüll, der Herren Blöße bedeckt mit einem hitzestauenden Frack – ideale Kleidung für den Hochleistungssportler – spenden den auf die Fläche schreitenden Wertungsrichtern Wohlwollen heischenden Beifall.

Doch nicht alle wissen, was sich geziemt. Aus der Mitte raunt ein leises: “Der schon wieder, der hat doch ganze Wagenladungen Tomaten auf den Augen”. Trotz des Ernstes der Lage gibt es noch kecke unter den Delinquenten … den Turnierpaaren.

So fangen in etwa alle Tanzturniere an.

Ja, der Prolog hat die Tendenz der leichten Überzeichnung – sachlich geht etwas anders. Aber die Übertreibung führt zu Bildern im Kopf – ein Bild sagt mehr als 1000 Worte – so wird Text gespart.

Mal sachlich weiter. Wie ist das mit dem Bewerten von Turnierpaaren?

Musik, Balancen, Bewegungsablauf und Charakteristik sind die vier Wiertungskriterien oder Aspekte, nach den gewertet wird – genau in dieser Reihenfolge.

Musik – wer außer Takt tanzt, hat sicher verloren. Wenn der Wertungsrichter nicht sieht, was er hört, gibt es einen dicken Strich.

Balancen – da geht es dem Tänzer ähnlich wie dem Seilläufer. Solange der Körperschwerpunkt genau über dem Seil ist – wunderbar. Schwingt der Schwerpunkt durch einen Schrittfehler nach links oder rechts, dann wackelt der Seilläufer. Oft kann er sich noch retten, doch manchmal geht’s abwärts.

Ähnlich ist es bei den Turniertänzern. Verstärkt wird die Gefahr des unbalanciert Seins, dass Turnierpaare immer an die Grenze gehen. Dazu kommen noch die Wechselwirkungen aus der Bewegung des Partners.

Bewegungsablauf – fließt das Tanzen harmonisch, ist der Wechsel von einem Bild ins andere gleich einer gekonnten Überblendung? Oder sieht das Tanzen aus wie ein Auto mit Plattfuss und Fehlzündung, das zur Werkstatt ruckelt?

Charakteristik – ein Langsamer Walzer ist kein Tango. Der Langsame Walzer – gepflegtes Gleiten von Dame und Herr. Der Tango – getanztes Begehren von Staccato Art.

Michael Wenger + Jekaterina Perederejeva
Das Paar startet für den VfL Pinneberg

Platz 3 für Michael Wenger + Jekaterina Perederejeva, auf dem Ranglisten Turnier am 21. Januar 2012 in Glinde.

Am Start waren die Paare der Hauptgruppe S in den Standardtänzen.

S ist die höchste Klasse. Des Weiteren: In der Hauptgruppe tanzen – von der Leistung her – die Besten – die Crème de la Crème

Die Schwierigkeit des Wertens liegt in der kurzen Zeit, die dem Wertungsrichter zur Verfügung steht und in der Flut der Informationen. Auf großen Turnieren nicht ungewöhnlich – 10 Paare sind auf der Fläche. Jetzt muss der Wertungsrichter anhand der vier Wertungskriterien insgesamt 40 individuelle Aspekte erfassen und mit diesen 40 Aspekten Charade spielen, um jene Paare zu finden, die in die nächste Runden dürfen.

Für diesen Prozess des Sehens, Erkennens und Definierens der individuellen Aspekt hat der Wertungsrichter 90 – manchmal etwas mehr Sekunden Zeit. Eine unmögliche Aufgabe. Trotzdem werden die Turnierpaare – über alle ihre getanzten Turniere gesehen – korrekt bewertet. Wie ist das möglich? Jetzt kommt Omi Hansen in Spiel.

Man stelle Omi Hansen als Wertungsrichterin an Tanzfläche – Omi Hansen wird einen hinreichend guten Job machen. Sie wird jene Paare erkennen, die noch etwas trainieren müssen, sie erkennt die Gruppe derjenigen, die schon recht gut sind, und sie findet ihr Lieblingspaar – den späteren Sieger.

Zauberei? Nicht wirklich. Jeder Mensch hat einen guten Sinn für Harmonie und Ebenmaß. Sein Unterbewusstsein registriert den Unterschied von Paar zu Paar in Bruchteilen – das Bewusstsein bleibt draußen.

Nicht anders machen es die Wertungsrichter. Sie sind oder waren Turniertänzer und haben daher einen Vorteil gegenüber Omi Hansen: Ihr Unterbewusstsein ist “geschult” – sie können auch noch differenzieren, wo Omi Hansen keinen Unterschied mehr sieht, sie “sehen” Fehler, bevor sie gemacht werden.

Nicht immer, aber dann und wann gibt es verzwickte Situationen. Eigentlich müsste Paar A nach vorne – es erfüllt alle Wertungskriterien, aber bei Paar B, das mit den vielen Fehlern – da mag ich einfach lieber hinsehen. Wie dies? Paar A bewegt sich korrekt an Hand der Wertungsrichtlinen – und ewig grüßt der Buchhalter. Das andere Paar verbindet sich mit Raum, Musik und den Zuschauern, kommt in den Flow und fängt an zu tanzen…

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