Von Dirk Podbielski, Hamburg
„Mach voran!“ – „Wie kann man nur so dämlich sein!“ – „Rücksichtsloser Idiot!“
Kennen Sie das? Nein, nicht dass Ihnen solche Bemerkungen entgegengeworfen würden, nein nein, das niemals! Sondern dass man sich über andere aufregt:
* Die chronischen Am-Ende-der-Rolltreppe-Stehenbleiber.
* Grölende Horden angetrunkener Teenager, die Sie umringen, nachdem Sie grad glücklich in den U-Bahn-Sitz gesunken sind.
* Kreischende Raumschiff-Alarme, die vom Anruf auf einem tief in einem der 22 Fächer einer Handtasche veschollenem Handy künden.
* Handybesitzer, durch deren Hirn sich minutenlang der Gedanke kämpft, dass der exotische Lärm eventuell von eigenen Apparat stammen könnte.
Kurz: Mitmenschen können echt nerven.
Nehmen wir mal an, man könnte sie auf unterhaltsame Art und Weise an einem Wochenende schulen. Sie würden vielleicht Dinge lernen wie:
* sie sich verantwortlich fühlen fürs eigene Wohlbefinden und das des Mitmenschen;
* sie in aktuellen Situationen 100% präsent sein können und nicht in Gedanken kilometerweit in der Zukunft oder Vergangenheit;
* sie sich mit Freude auf neue Begegnungen einlassen und das Nötige lernen;
* sie sich klar äußern, was sie wollen und die Wünsche anderer nicht nur respektieren, sondern berücksichtigen, wo es geht;
* man eigene und fremde Grenzen kennenlernt und schützt, fremde respektiert und eigene auch mal überschreitet;
* eigene Ideen das Erleben, die Wahrnehmung, die Sicht auf die Wirklichkeit und damit das Handeln beeinflussen, im Größen wie im Kleinen.
Man könnte auch sagen:
* Wie man miteinander auskommt. Besser noch: man sich gegenseitig soviel Freude wie möglich bereitet. Wär das was?
Hm, werden Sie vielleicht fragen: Warum nervt der Autor mich dann mit so einem langen Text über ungelegte Eier, mit Gutmenschen-Theorie?
Weil der Autor all das erlebt hat. Es gibt solche Schulungen. Allerdings nennen sie sich Tanzworkshops, genauer: SwyngerG. Das ist Energie plus Swing plus Kreativität plus Extravaganz.
Ach so, Tanzen … Ja, tanzen. Hier muss andauernd eine große Anzahl fremder Menschen ein begrenztes Parkett miteinander teilen, jeder hat seinen persönlichen Ehrgeiz und oft ausladenden, schwungvollen Bewegungsdrang. Nicht jeder hat gerade seinen Traumpartner vor sich. Und alle wollen Spaß haben. Mit ausgefahrenen Ellbogen geht da gar nichts. Man stelle sich vor, um wieviel reibungsloser man mit obigen Grundsätzen das eigene Leben – und auch das der Mitmenschen – gestalten könnte.
Schön, betrachtet man manche Diskussionen der Tanzsportverbände, schwindet die Faszination ein wenig. Vielleicht ist es ja ganz gut, wenn große Institutionen in der Regel Tanzen als Nicht-Thema behandeln. Und dafür weltgereiste, tanzende Menschen wie Andrew Sutton, Ali Taghavi und Katja Uckermann – also die SwyngerG-Kerncrew – die Sache übernehmen.
Die alten Swingtänzer, die schon vor 70, 80 Jahren als Profis aktiv waren, berichten unisono von der sozial integrativen Kraft des Tanzens – nicht nur des Swingtanzens.
Clip: „Weniger Stress, weniger Hass, weniger Unstimmigkeiten”: Dawn Hampton lobt die Tanzerei
„They should have politicians from all of the different governments come and dig this wonderful scene to see how well everybody gets along on the dance floor.” Man sollte Politiker all der Regierungen zusammenholen und diese wundervolle Szene bestaunen lassen, damit sie sehen, wie gut alle miteinander auf der Tanzfläche zurechtkommen.
Frankie Manning, professioneller Swingtänzer seit den 1930er Jahren
„Swing is what opened the doors for African-Americans around the world.” Swing hat Afroamerikanern die Türen in aller Welt geöffnet, so Norma Miller 90, Profi-Swingtänzerin seit 78 Jahren
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„Ich glaube, wenn man alle Politker das Swingtanzen lehrt, gibt es viel weniger Krieg und Hass.
Tänzer in einem vollen Raum müssen andere Tänze respektieren. Man muss ihnen so viel Platz für ihre Dinge lassen wie man sich selbst für die eigenen nimmt.” Dawn Hampton, 83, Sängerin, Musikerin, Kabarettistin und Swing-Afficionada Foto rechts: Dawn Hampton (Screen Shot aus obigen Clip) |
Sich in solchen Tugenden zu üben, das wünscht man so manchem Zeitgenossen, oder?
Nein, nein, Sie betrifft das natürlich nicht!
Und gehen Sie um Himmels willen nicht tanzen in der Erwartung, ein besserer Mensch zu werden.

